WordPress 5.0 oder: Hallo Gutenberg!

Von Daniela Kerschbaumer, 10. Dezember 2018

WordPress will sich mit seiner am 6. Dezember 2018 veröffentlichten Version 5.0 neu erfinden. In diesem Zusammenhang taucht überall der Name „Gutenberg“ auf. Warum wurde Gutenberg ins digitale Zeitalter katapultiert? Im nachfolgenden Artikel erfahren Sie mehr darüber.

Illustration zeigt Johannes Gutenberg. Slogan: Hipster? Gutenberg! Illustration: Daniela Kerschbaumer

Mit der Version 5.0 läutet WordPress eine neue Ära ein. Der klassische Editor, also das Textbearbeitungsfeld, mit dem wir jahrelang gearbeitet haben, weicht einem komplett neuen System: Gutenberg.

Wie kam es dazu?

WordPress lässt sich sehr einfach installieren und ist daher auch für Einsteiger ohne umfassende Programmierkenntnisse geeignet. Daher wurde WordPress im Laufe der Zeit zum beliebtesten Content Management System (CMS) mit einem weltweiten Marktanteil von 59,6 % (Quelle: Statista 2018).

In den letzten Jahren kam jedoch Bewegung in den Markt. Durch neue Websiteanbieter, wie Wix und JIMDO oder für Onlineshops Shopify, wurde es für Laien noch einfacher, eine eigene Website oder einen Webshop zu bauen. Bei Wix & Co werden Seiten nach dem Baukastenprinzip, mit Hilfe von „Page Buildern“ erstellt. Ein Page Builder besteht aus unterschiedlichen Inhaltsblöcken für z. B. Titel, Texte, Bilder, Videos usw., die per Drag & Drop an die gewünschte Stelle verschoben werden können. Im Vergleich dazu erinnert die Bedienungsoberfläche des klassischen WordPress Editors „TinyMCE“ eher an Microsoft Word.

Screenshot WordPress TinyMCE Editor Der Screenshot zeigt den klassischen TinyMCE Editor

WordPress beschloss, den klassischen TinyMCE Editor zu ersetzen, damit mit modernen Page Builder-Lösungen Schritt gehalten werden kann. Der gewählte Name „Gutenberg“ verrät viel über die ambitionierten Ziele: Gutenberg revolutionierte im 15. Jahrhundert mit seinen beweglichen Lettern den Buchdruck. Der neue Gutenberg soll im digitalen Zeitalter das Publizieren von Inhalten revolutionieren.

Wie funktioniert der Gutenberg Editor?

Gutenberg besteht aus diversen Blöcken. Wenn man also z. B. eine neue Seite „Hallo Gutenberg“ veröffentlichen will, dann wählt man dafür z. B. die Blöcke „Überschrift“ und „Absatz“ und befüllt sie mit den jeweiligen Inhalten. Es können je nach Belieben weitere Inhaltsblöcke, wie z. B. eine Liste hinzugefügt werden. Der folgende Screenshot soll dies verdeutlichen:

Screenshot WordPress Gutenberg Editor Der Screenshot zeigt den neuen Gutenberg Editor

Der Einsatz des neuen Editors bringt viele Vorteile, aber laut derzeitigem Stand auch einige Nachteile. Nachstehend finden Sie meine persönliche Pro und Contra Liste:

Vorteile von Gutenberg

Bedienbarkeit

Die Inhalte im WordPress Backend (also dem Content Management System zur Bearbeitung der Inhalte) wirken mit Gutenberg aufgeräumter. Sie ähneln eher einer Website als einem Microsoft Word Dokument. Neue Blöcke lassen sich leicht hinzufügen. Die Reihenfolge der Blöcke kann individuell verschoben werden.

Gestalterische Freiheit

Der Redakteur, der die Inhalte bearbeitet, hat mehr gestalterische Freiheiten. So war es beispielsweise mit dem klassischen Editor ohne Erweiterungen nicht möglich, mehrspaltige Inhalte zu generieren.

Performance

Die Performance des neuen Editors ist erstaunlich gut. Das Nutzererlebnis wird dadurch eindeutig besser und frischer. Der altbackene Charme des klassischen Editors hat ausgedient.

Wettbewerbsfähigkeit

Durch die Integration eines Page Builder Systems bleibt WordPress auch künftig vorne dabei. Gutenberg ist also eine logische und notwendige Weiterentwicklung.

Nachteile von Gutenberg

Kompatibilität

Es wird noch einige Zeit dauern, bis alle Plugins (Erweiterungen) und Themes (Designvorlagen) kompatibel mit Gutenberg sind. Viele Plugin-Anbieter haben hier bereits wunderbare Arbeit geleistet, dennoch gibt es noch einiges zu tun. Es ist davon auszugehen, dass vor allem ältere Plugins und Themes teilweise nicht mehr nachgerüstet werden. Ältere Websites, die nicht regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wurden, haben hier möglicherweise Nachteile.

Workflow

Die redaktionelle Wartung ändert sich mit Gutenberg komplett. Dies ist für weniger webaffine Anwender meiner Ansicht nach eine Herausforderung. Die Meisten können Microsoft Word bedienen und daher waren sie mit der Handhabung des klassischen Editors schnell vertraut. Die neuen Inhaltsblöcke und die Verwendung von Drag & Drop werden für manche Anwender schwierig sein. Aber auch geübte Nutzer, die mit neuen Technologien vertraut sind, müssen ihren bisherigen Workflow umstellen.

Gestalterische Freiheit

Sie haben richtig gelesen. Dieser Punkt ist auch in der Pro-Aufzählung gelistet. Vom gestalterischen Standpunkt aus ist es nicht immer von Vorteil, wenn im Website Backend zu viele Gestaltungsmöglichkeiten erlaubt sind. Diese werden nämlich auch gerne genutzt. Dadurch kann es passieren, dass das Design bzw. der Aufbau des Layouts verändert werden. Wenn dadurch z. B. auf einer Website Zwischenüberschriften plötzlich komplett anders formatiert sind, sieht das nicht professionell aus. Natürlich kann ein Entwickler den Gutenberg Editor so einrichten, dass nur die relevanten Funktionen freigeschaltet werden. Aber dies ist mit einem Mehraufwand verbunden.

Barrierefreiheit

Rian Rietveld war bis Anfang Oktober 2018 bei WordPress als Teamleiterin für Web Barrierefreiheit zuständig. Sie veröffentlichte am 9. Oktober 2018 einen Blogbeitrag, warum sie letztendlich von dieser Position zurücktrat. Rietveld äußerte Bedenken, dass sich notwendige Verbesserungen der Barrierefreiheit bis zum angestrebten Release-Datum von WordPress 5.0 nicht implementieren lassen würden. Das Smashing Magazine veröffentlichte am 7. Dezember 2018 einen Artikel, der den gegenwärtigen Status quo gut zusammenfasst: What Can Be Learned From The Gutenberg Accessibility Situation?

Anfallende Entwicklerkosten bei Umstellung

Die Umstellung auf Gutenberg sollte von einem erfahrenen WordPress Entwickler durchgeführt werden. Dieser installiert zuerst eine Testversion am Server und stellt die Website behutsam auf das neue System um. Gerade bei programmierten Erweiterungen muss hier sehr vorsichtig vorgegangen werden. Wenn man also seine Website nicht zerstören will, sollte man keinesfalls eigenständig auf der live geschalteten Version herumprobieren, sondern diese Arbeit einem Profi überlassen.

Resümee

Man konnte den neuen Editor bereits vor seinem offiziellen Erscheinen mithilfe eines Plugins testen. Das Gutenberg-Plugin wurde bis zur Veröffentlichung von WordPress 5.0 mehr als 600.000 Mal heruntergeladen. Wenn man bedenkt, dass es weltweit über 66 Millionen WordPress-Installationen gibt, ist der Anteil noch nicht überwältigend hoch. Auch die Bewertung des Plugins lag mit 3,5 von 5 Sternen nur im Mittelfeld.

Ich rate meinen Kund*innen daher, mit der Umstellung einer bestehenden Website auf Gutenberg noch ein paar Monate zu warten. Für alle, die den neuen Editor nicht verwenden wollen, gibt es das Plugin Classic Editor. Durch die Installation dieser Erweiterung wird Gutenberg deaktiviert und man kann weiterhin den gewohnten Editor verwenden. Dieses Plugin wird laut derzeitigem Stand noch bis 31. Dezember 2021 offiziell unterstützt werden. Ein Umstieg hat also keine Eile.

In den nächsten Monaten wird sich zeigen, wie ausgereift das neue System tatsächlich ist. Es werden mit Sicherheit Bugs (Softwarefehler) auftauchen, die beseitigt werden müssen. Der neue Gutenberg muss also erst Lebenserfahrung sammeln und erwachsen werden. Erst wenn alles absolut reibungslos läuft, ist meiner Meinung nach bei einer bestehenden Website ein guter Zeitpunkt für einen Wechsel zu Gutenberg gegeben.

Zum Abschluss dürfen ein paar positive Worte nicht fehlen. Ich bin davon überzeugt, dass die vom WordPress Team eingeschlagene Richtung, mit Gutenberg neue Wege zu beschreiten, gut und absolut wichtig war. Gutenberg wird sich im Laufe der nächsten Jahre mit Sicherheit zu einem großartigen Tool entwickeln. WordPress kann nur dann weiterhin erfolgreich sein, wenn es sich in regelmäßigen Abständen neu erfindet.

 

Anmerkung: Dieser Beitrag wurde ursprünglich am 22. November 2018 veröffentlicht. Bei der aktuellen Fassung handelt es sich um eine aktualisierte Version.