Brauche ich eine barrierefreie Website?

Von Daniela Kerschbaumer, 27. Februar 2018

Ja, die brauchen sie. In Österreich ist das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG) seit Anfang 2016 in vollem Umfang in Kraft. Das BGStG enthält unter anderem ein Diskriminierungsverbot. Dies bedeutet, dass neben baulicher Barrierefreiheit auch Websites für alle Besucher gleich gut zugänglich und bedienbar sein müssen. Kann man davon ausgehen, dass heutzutage alle im Internet auffindbaren Webangebote barrierefrei sind?

Barrierefreie Website, WCAG 2.0. Illustration: Daniela Kerschbaumer

 

Was bedeutet Web Barrierefreiheit?

Web Barrierefreiheit bedeutet, dass Menschen mit Behinderung oder sozial benachteiligte Personen den selben Zugang zu neuen Medien und Technologien haben sollten, wie alle anderen auch. In der Praxis greift diese Thema jedoch viel weiter. Hier ein paar Beispiele:

  • Ein Mann mit starker Kurzsichtigkeit vergisst seine Brille in der Arbeit. Als er zu Hause eine Online-Reservierung für ein Restaurant vornehmen will, kann er die Inhalte kaum lesen, weil sich die winzige Schriftgröße der Restaurant-Website nicht vergrößern lässt.
  • Eine junge Frau überbrückt die Zeit in der U-Bahn, indem sie durch die Chronik ihrer Facebook Seite scrollt. Sie findet ein interessantes Video, das sie sich ansehen möchte. Um die anderen Fahrgäste nicht zu stören, schaltet sie den Ton ab. Da jedoch das Video nicht mit Untertiteln versehen ist, kann sie die Inhalte nicht verstehen. Das Video ist nutzlos.
  • Ein Junge hat sich die Hand gebrochen und ist motorisch temporär eingeschränkt. Da er nur eine Hand benutzen kann, wäre es einfacher, wenn er sich im Internet mit Hilfe der Pfeiltasten seiner Tastatur durch die Inhalte klicken könnte. Als er dies versucht, lassen sich einige Menüpunkte des Hauptmenüs nicht auswählen. Das nervt.

Diese Beispiele sollen verdeutlichen, dass sich die Barrierefreiheit im Netz nicht auf eine kleine Zielgruppe mit dauerhaften Beeinträchtigungen beschränkt, sondern einen Großteil der Nutzer miteinbezieht. Wenn Sie also nur Wert darauf legen, dass Ihre Website suchmaschinenfreundlich umgesetzt ist, vergeuden Sie wichtiges Potential.

Um die Web Barrierefreiheit zu gewährleisten, wurden vom W3C (Word Wide Web Consortium) Richtlinien verfasst. Diese bilden die Grundlage für gesetzliche Vorgaben in vielen Ländern der Welt. Die aktuell gültige Fassung der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.0 stammt aus dem Jahr 2008.

Die WCAG 2.0 bestehen aus:

  • 4 Prinzipien
  • 12 Richtlinien
  • 61 Erfolgskriterien
  • unzähligen Techniken, um die Erfolgskriterien zu erfüllen

Die vier Prinzipien der WCAG 2.0 stellen die Basis der Richtlinien dar:

  • Prinzip 1 – Wahrnehmbar: Alle Informationen und Bestandteile der Website müssen den Seitenbesuchern so präsentiert werden, dass diese sie wahrnehmen können.
  • Prinzip 2 – Bedienbar: Die Website muss bedienbar und gut navigierbar sein.
  • Prinzip 3 – Verständlich: Alle bereitgestellten Informationen und die Bedienung des Webauftritts müssen verständlich sein.
  • Prinzip 4 – Robust: Inhalte müssen robust genug sein, damit sie zuverlässig von einer großen Auswahl an Geräten, einschließlich assistierender Techniken, interpretiert werden können.

Die 61 Erfolgskriterien werden drei verschiedenen Konformitätsstufen zugeordnet:

  • Konformitätsstufe A: 25 Erfolgskriterien
  • Konformitätsstufe AA: 25 + 13 Erfolgskriterien
  • Konformitätsstufe AAA: 25 + 13 + 23 Erfolgskriterien

Um die Mindeststandards einer barrierefreien Website zu gewährleisten, müssen die 25 Erfolgskriterien der Konformitätsstufe A erfüllt werden.

Derzeit wird an einer Erweiterung der WCAG gearbeitet, die unter dem Zusatz WCAG 2.1 im Dezember 2017 bereits als letzer Entwurf veröffentlicht wurde. Es ist also nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Richtlinien WCAG 2.1 ebenfalls als Standard gelten werden. Die Erweiterung beinhaltet weitere Anforderungen. Beispielsweise müssen künftig auf Websites Animationen, die durch Interaktion ausgelöst werden, abgeschaltet werden können. Dies betrifft z. B. das derzeit vielfach verwendete Parallax Scrolling. Unter dem Parallax Effekt versteht man, dass sich diverse Ebenen beim nach unten Scrollen asynchron bewegen.

Wie sieht die Realität aus? Sind inzwischen alle Websites barrierefrei?

Für öffentliche Stellen gibt es genaue Vorgaben, die im Dezember 2012 unter dem Titel „Richtlinie über den barrierefreien Zugang zu den Websites öffentlicher Stellen“ festgelegt wurden. Dies bedeutet, dass Webportale öffentlicher Institutionen in der Regel barrierefrei sind.

Bei vielen Unternehmensseiten besteht nach wie vor akuter Handlungsbedarf. Dabei hält sich beim Design und der Programmierung einer neuen Website der Mehraufwand in Grenzen. Die Konformitätsstufe A ist relativ leicht umsetzbar. Aber nicht nur Webdienstleister müssen beim Design und der technischen Umsetzung auf Barrierefreiheit achten. Auch bei der redaktionellen Wartung der Inhalte muss großer Wert darauf gelegt werden. Gemäß „Prinzip 3“ der WCAG 2.0 müssen Websites verständlich sein. Kompliziert verfasste Websiteinhalte und komplex strukturierte Schachtelsätze erschweren die Lesbarkeit enorm.

Es wird noch einige Zeit dauern, bis das Thema Web Barrierefreiheit in unseren Breitengraden vollständige Berücksichtigung finden wird. Wahrscheinlich erfordert es rigoros durchgeführte  Kontrollen und die Androhung finanzieller Strafen, damit sich jedes Unternehmen diesem Thema widmet. Dabei gibt es eine ganz einfache Motivation für die Umsetzung einer barrierefreien Website: Machen Sie nicht nur Suchmaschinen glücklich, sondern auch die Nutzer Ihres Webauftrittes.